• Birdie

Mein Tattoo - noch ein Nachgesang

Meinem Tattoo, ein kleiner Schwertfisch auf dem linken Schulterblatt, war nur ein kurzes Leben beschieden. Kürzer als die durchschnittliche Lebensdauer eines Schwertfisches in der freien Wildbahn. So lange hatte ich vor über zwanzig Jahren darüber sinniert, ob ich mir ein solches stechen lassen sollte. Kaum drapierte sich der Fisch elegant über mein Schulterblatt, war ich mir seiner überdrüssig. So wenig passte er zu mir, meinem Leben, meiner Person. Warum ich dazu kam, mir ein Tattoo stechen zu lassen? Gute Frage. Ich weiss es nicht. Es verstand mich auch keiner. Die Idee kam mich teuer zu stehen, weil die Entfernung des kleinen bunten Fisches viel Zeit und Geld beanspruchte. Die Techniken waren damals auf jeden Fall noch nicht so alt wie die Kunst des Tattoo Stechen, so viel stand fest.


Und heute? - Sehe ich mit Erstaunen die stetig wachsende Anhängerschaft von Tattoos auf Körpern. Wobei mein Umfeld nach wie vor seiner Haut keine Verzierung gönnt. Darüber bin ich erleichtert. Als Ästhetin zucke ich zusammen ob den grossen und kleinen Kunstwerken, die sich über Körper drapieren. Was sich mir während meiner Tätigkeit im Verkauf bot, übersteigt die Vorstellungskraft der meisten Menschen. Nein, ich verkaufte kein Spielzeug für Erwachsene, das man vor Ort am lebenden Objekt demonstrierte. Aber bisweilen waren die Sommer heiss und lang, die Bekleidung der Mitarbeiter entsprechend knapp bemessen so dass mir freiwillig und unfreiwillig viel Einblick gewährt wurde; Rosen und Ranken, Runen und Röhren, das ganze Firmament des Himmels, allerlei Getier, Herzen und Helden und was es sonst so alles gab, das sich auf der Haut mehr oder weniger gut umsetzen liess. Häufig und gerne flächendeckend über Arme, Beine, Po, Rücken, Bauch, Hals und Ohren. Man überbot sich mit Motiven, Farben, Formen, ein unerschöpflicher Fundus der Meisterstecher. Ganz häufig dachte ich, warum macht das bloss eine schöne junge Frau? Es war mir ein Rätsel. Ich stellte bald fest, dass Tattoos keine Frage des Alters waren. Es braucht auch keine grosse Fussballbegeisterung um zu wissen, dass Ronaldo kein Tatoo hat. Man sagt es sei wegen dem Blutspenden. Vielleicht ästhetischer Natur? Man weiss es nicht. Wie auch immer.


Tattoos haben eine lange Tradition, die bis zu einem unserer alten Vorfahren Özi reichen. Sie sollen Identifikation, Einzigartigkeit, Geschichte, Herkunft und ähnliches zeigen. In Japan sind sie durch ihre Geschichte stigmatisiert, war ihre Vergangenheit doch eine eher zwielichtige. Vor allem Verbrecher und leichte Frauen erfreuten sich ihrer Beliebtheit. Bei vielen Naturvölkern sind sie Ausdruck von Tradition und Geschichte und keineswegs etwas Verwerfliches. Der amerikanische Schriftsteller Paul-Henri Campell sagt "Der Körper ist die Kathedrale des 21. Jahrhunderts. Der Körper ist Ausdrucksmittel und Präsentationsfläche - und er ist einzigartig." Ich finde, er liegt damit genau richtig. Vielen Tattoos liegt etwas Religiöses zu Grunde und einzigartig will jeder sein, obwohl viele Motive keineswegs einzigartig sind; denken wir an die in den Anfängen beliebten Hirschgeweihe, die manche Rücken verzierten. Sie lösen heute bestenfalls Mitleid aus oder wurden bereits entfernt. Bei Tattoos kommen viele unschöne, verdrängte Erinnerungen hoch. Kein Wunder mag eine Mehrheit nicht daran denken, dass während des Nationalsozialismus Tattoos sehr verbreitet waren. Dabei meine ich nicht die bei der SS verbreiteten Blutgruppentätowierungen am linken inneren Oberarm, sondern die eintätowierten Nummern jüdischer Gefangener der Konzentrationslager. Ein Andenken auf immer und ewig überlebte man denn die dunkle Zeit.

Vermintes Gebiet was ich jetzt betrete. Man mag mir meine Erläuterungen verzeihen. Sie sind politisch nicht korrekt aber nötig. Ich verfüge nicht über empirische Erhebungen. Doch vermute ich, basierend auf meinen Erfahrungen, dass Tattoos eine Frage des sozialen Standes sind. Dass diese Feststellung nicht von der Hand zu weisen ist, zeigt nicht nur die Geschichte. Auch wenn sie heute Alltag sind, gehören sie in gewissen sozialen Schichten beileibe nicht zum guten Ton und werden es auch nie tun. Sie sind regelrecht tabu. Die Dichte gestochener Tattoos ist beispielsweise auf dem Land und in gewissen Stadtkreisen (3, 4, 5, 9, 10, 11, 12) von Zürich signifikant höher als an der linken und rechten Seeseite vor allem dort wo die Steuerbelastung besonders tief ist: Je privilegierter eine Wohngegend, desto tiefer die Dichte an Tattoos auf einen einfachen Nenner gebracht. Das gilt im übrigen auch für die Stadtkreise 1, 2, 6, 7 und 8 in Zürich. Ganz allgemein ausgedrückt: Je höher der soziale Status, desto tiefer der Anteil an Tattoos. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Aber wie das Wort sagt, es sind eben Ausnahmen. Sie können leicht den Test machen. Begeben Sie sich in eine Privatbank, schauen Sie sich Mitarbeiter und Kunden an oder besuchen Sie wirklich chice Boutiquen wie etwa Chanel oder eine der sehr gehobenen Uhren- und Schmuck Boutiquen: Je teurer die Auslagen, desto weniger werden Sie Kunden mit Tattoos finden. In diesen Kreisen gilt solcher Körperschmuck als vulgär. Damit schliesst sich der Kreis mit den japanischen Gepflogenheiten, die Tattoos nur gewissen Kreisen zugestehen. Auch wenn die Schweiz eine scheinbar offene, durchlässige Gesellschaft ist, zeigt dieser Körperschmuck sehr genau wo der Platz des einzelnen im sozialen Gefüge ist.


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