• Birdie

Harald Schmidt: Humor gestern und heute

Aktualisiert: Juli 20

Wenn ich Zerstreuung suche, lande ich oft bei Youtube. Vor einiger Zeit habe ich dort alte Harald Schmidt Shows entdeckt. Ich weiß nicht, wie viele Aufzeichnungen da zu finden sind. Ich habe schon zig geschaut und nicht den Eindruck, alle zu kennen. Als die Show aktuell war, Anfang der neunziger Jahre, schaute ich nie. Als früh zu Bett gehende, war mir das zu spät, zeitversetztes Fernsehen gab es nicht, aufnehmen wollte ich nicht und überhaupt interessierte mich die Show nicht. Dafür liebe ich sie jetzt umso mehr. Man könnte sie als eine Art Zeitreise des Humors betrachten. Harald Schmidt meinte in einem Interview, dass er wohl zur richtigen Zeit aufgehört habe. Wie wahr. Sehe ich Sendungen an, denke ich oft, das traut sich heute kein Mensch mehr sagen. Eines seiner Lieblingsthemen: Der damalige Kanzler Gerhard Schröder. Herrlich: Die Hausfinanzierung - Finanzakrobatik à la Harald Schmidt kombiniert mit dem Erbe von Tante Hillu https://www.youtube.com/watch?v=N0uGPhBppTE oder die gefärbten Haare des Kanzlers und Schmidt's Kommentar zum Spiegel-Titelbild des Kanzlers nur mit Feigenblatt bekleidet "Das Feigenblatt hätte man auch weglassen können, aber dann hätte es wieder die Diskussion um die gefärbten Haare gegeben". Zu schweigen von den Diskussionen zwischen ihm und seinem Redaktionsleiter Manuel Andrack und den zahlreichen Frotzeleien über Politiker und Parteien. Genauso die kleinen wiederkehrenden Seitenhiebe sei dies zu Frauen, Ausländer, ja, er verwendet sogar das Wort"Neger" was zu dieser Zeit bereits anstößig war. Auch ich hatte noch knapp vom Hörensagen das Kässeli mit dem nickenden Negerlein gekannt. Heute ist nur schon der Gedanke daran purer Frevel und Witze darüber zu machen ganz zu schweigen.


Wie ich alten Filmen und der darin verkörperten Sorglosigkeit nachtraure, traure ich einem Humor nach, der sich nicht ständig erklären, rechtfertigen, entschuldigen muss geschweige eine Klage riskiert. Der ist wie er ist. Nicht für alle lustig, aber er darf sein. Klagen darüber bestimmt vorhanden aber ohne grössere Folgen. Die Welt von heute ist dünn häutig geworden. Hysterisch dünn häutig. Mit dem Resultat, dass viele ihre Meinung kaum mehr äußern. Und damit meine ich nicht die, die sagen "man wird wohl noch sagen dürfen". Dazu beigetragen hat allzu oft mein eigenes Geschlecht. Ja, ich unterstelle ihnen Humorlosigkeit. Wenngleich es ein paar sehr gute weibliche Comedians gibt. Vieles was beanstandet wird, ist nicht einmal diskussionswürdig. Humorlosigkeit gepaart mit Hass auf das andere Geschlecht ist etwas vom schlimmsten für unsere Gesellschaft, richtet viel Schaden an. Es fehlt die Distanz, über etwas stehen zu können, Schlagfertigkeit, Selbstbewusstsein vor allem Gelassenheit. Das richtet sich nicht nur gegen das andere Geschlecht sondern auch gegen das eigene in Form der bekannten Stutenbissigkeit. Oder welcher Mann wird öffentlich für seinen Kleidungsstil gerügt? Wobei wir wieder beim Thema sind. Viele Menschen hatten bis heute keine ernsthaften Sorgen. Sie waren mit sich und ihrer eigenen Welt beschäftigt. Die Maslowsche Bedürfnispyramide lässt grüssen. Schön, wenn man keine grösseren Probleme hat, unschön, wenn man sich dafür künstlich welche schafft. Die aktuelle Krise ist da nicht nur schlecht. Der Mensch ist plötzlich realen Problemen ausgesetzt. Vielleicht hilft diese Krise, den Blick auf das Wesentliche zu richten? Man darf pessimistisch sein. Der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Das hat er all zu oft bewiesen. Leider.


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