• Birdie

Gewalt und Gegengewalt. Eine Dokumentation zu Polizeigewalt auf ARTE

In Frankreich und Deutschland herrschen zwischen Bevölkerung und Polizei Krieg ähnliche Zustände. Einerseits wendet die Polizei erschreckende Gewalt an, andererseits wird sie bei geringfügigen Kontrollen massiv angegriffen und von anwesenden Passanten angepöbelt. Die Schweiz ist noch nicht so weit, doch auf dem besten Weg dahin. Während der Sendung stellte ich mir die Frage: Was war zuerst; das Huhn oder das Ei?


Seit letztem Wochenende bin ich mir nicht mehr sicher, ob die Frage berechtigt ist. Vorfälle in Stuttgart zeigen ein Bild, das in eine andere Richtung zeigt. Das Image der Polizei hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Als Kind, Jugendliche und Erwachsene sah ich diese immer als Respektpersonen, mehr oder weniger furchteinflössende Behörde. Hatte ich Kontakt, was nicht oft der Fall war und ist, war immer dieses seltsame Gefühl. Das geht vermutlich vielen von uns so. Unter meinesgleichen ist das immer noch eine Mehrheit, die so fühlt. Und doch zeichnet sich ein Wandel in unserer Gesellschaft.


In Zürich applaudierte neulich die Polizei Demonstranten. Vorauseilender Gehorsam damit diese sehen, dass die Polizei ihre Meinung teilt? Muss sie das? Ist es nicht egal was sie denkt? Muss sie nicht einfach ihren Job machen und ihre Meinung für sich behalten? Ihre Arbeit bleibt die gleiche. Demonstranten zu applaudieren ist das Dümmste was man tun kann. Applaudieren zeigt vor allem eins: Machtlosigkeit, fehlendes Durchsetzungsvermögen, keine klare Position. Typische Verhaltensmuster der Schweizer Politik: Der Weg des geringsten Widerstandes. Das wird zunehmend gefährlich. Nicht heute, vielleicht nicht morgen. Doch wird sich diese Haltung rächen. Sie schwächt staatliche Organe allgemein, nicht nur die Polizei. Sie befördert eine ich-bezogene egoistische Haltung in der nur das Individuum zählt, die eigene kleine Welt und seine Gefühlsduseleien. Eine Welt von kleinen Prinzen und Prinzessinnen, glückselig getragen von stolzen Eltern, die vorbehaltlos hinter ihnen stehen, sie in allem gewähren lassen, ihnen jeden Wunsch erfüllen. Dass die Kinder nur glücklich sind und ihren Willen bekommen. Die Welt ist voll trotziger ich-bezogener Kinder jeglichen Alters, die sich nirgends einfügen wollen, leiseste Kritik mit tödlicher Beleidigung quittieren. Die sich schwer tun mit übergeordneten Instanzen, weil sie nicht gewohnt sind, sich irgendwo zu fügen und nicht ihren Willen zu bekommen. Die Gesellschaft schaut ihnen tatenlos zu, ja bewundert sie gar, weil sie sich nichts sagen lassen.


Wir werden uns bald wünschen, dass die Polizei ihre starke Hand für uns hebt. Die taz-Journalistin Hengameh Yaghoobifarah kann ihnen nach ihrer Hass-Kolumne gegen die Polizei ein Lied davon singen. Sie wurde nach der Veröffentlichung ihrer Kolumne so angefeindet, dass sie Polizeischutz benötigte. Just die Behörde, die sie abschaffen und auf dem Müll entsorgen wollte. Vielleicht denkt sie zukünftig erst über ihre Ideen nach oder noch besser: Sie schaltet ihr Hirn erst ein, bevor sie zu schreiben beginnt. Oder sie sucht sich einen neuen Job? Allenfalls muss sie das eh, weil Mitarbeiter, die Polizeischutz benötigen die Personalkosten über Mass strapazieren und damit auf Dauer nicht tragbar sind.


Wir werden uns zukünftig vielen unbequemen Fragen stellen müssen. Nicht nur zu unserer Haltung gegenüber dem Staat und seinen Behörden, auch zu unserem Zusammenleben ohne dabei nur an Hautfarbe, Religion, Nationalität, Geschlecht, politische Präferenz und mehr zu denken. Vielmehr geht es um den Umgang untereinander, um Respekt, Anstand, Würde ohne die grosse Verletzlichkeit zu demonstrieren. Und ja, jeder soll seine Meinung kundtun dürfen auch wenn diese nicht mit der Meinung der Allgemeinheit oder bestimmten Gruppen korreliert. Leider keine Selbstverständlichkeit. Zunehmend ein Problem auch in vermeintlichen Demokratien. Und doch soll jeder von uns erst tief durchatmen, bevor er seine Meinung kundtut. Dafür braucht man nicht Hengameh Yaghoobifarah zu heissen.

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