• Birdie

Fashionista

Aktualisiert: Aug 10

Vor einiger Zeit hat sich der US Modeautor Stephen Fried für das von ihm erfundene Wort entschuldigt. Offensichtlich ist es verwerflich, dass Mann oder Frau sich ausgeprägter für Mode interessiert und dafür noch einen Namen bekommt. Erstaunlich. Heute scheint vieles seine Leichtigkeit und seinen Humor zu verlieren. Vieles wird inflationär verwendet, falsch verstandene Scham und Political Correctness. Trotz allem; unbedarft, naiv, mein Kommentar dazu. Denn: Wenn man A sagt muss man auch B sagen; bei D wie Dresscode, soll man sich mit F wie Fashionista auseinandersetzen. Das Thema ist spannend. Ich schaue hin. Ich kann nicht über meinen Schatten springen. Dabei weiss ich, wie unwichtig das Thema ist. Aber auch Unwichtiges soll im Leben Platz haben. Bei mir liegt vieles in der Kindheit und bei einem Freund, welcher bei mir zu Hause bemerkte, mein Kleiderschrank sei so leer. In meiner Kindheit und auch viel später gab es nicht H&M, nicht Zara, nicht Mango wie sie alle heissen. Als Kind trug ich Gestricktes meiner Oma: Gestrickte Mützen, Pullover, Strumpfhosen, die so kratzten, dass ich mich kaum bewegen konnte. Und gestrickte Höschen. Niemand kann sich

vorstellen, wie ich in den Turnstunden beim Umziehen litt, mich schämte. Meine Nachbarin trug sogar gestrickte Unterhemdchen. Ein guter Freund wünschte sich ein Foto aus meinen Kindertagen: Er wählte mich als etwa vier Jährige im weissen Kleidchen mit groben, braunen, flachen Sandalen. Bally, mit Fussbett. Unsere Mutter schwor darauf. Gesund für die Füsse. Unverzeihlicher Fauxpas oder schon die bewährte Kombination von Gegensätzen? Meiner Mutter, eine gelernte Couture-Schneiderin, sagte das vermutlich wenig. Sie nähte uns die Kleider bis sie irgendwann genug hatte und uns zum Grossverteiler schleppte. Kinder-Boutiquen waren teurer und nicht sehr verbreitet, ausser in Italien wohin wir später öfter unseren Vater begleiteten. Die Hosen passten nicht: Oben zu gross, unten zu kurz, ich fühlte mich ganz unwohl und protestierte. Mein erstes Modebewusstsein erwachte in Luzern, in der ersten Kinder-Boutique, die ich von innen sah. Ich konnte mich nicht entscheiden zwischen gelbem Cord- und Jeans-Anzug mit Nietenbesatz. Ich bekam beides. Vermutlich bestand Nachholbedarf. Dazu gab es einen gestreiften Plüsch-Pullover. Alles trug ich so ausgiebig, dass es irgendwann auseinander fiel. Die nächste Errungenschaft war die erste richtige Marken-Jeans: Rifle, aus der Jeans-Boutique. Jeans kannte ich bereits seit der Primarschule bei einer Mitschülerin der dritten Klasse. Sie trug als einzige Levis Jeans aus den USA. Aus diesem Grund war ich über die Rifle-Jeans nur halbwegs erfreut. Sie war eine der hoch sitzenden, die heute vehement propagiert und trotzdem im Sale in genügender Menge vorhanden sind.


Meine ersten eigenen Shoppingtouren führten mich nach Zürich zu den damals angesagten Geschäften wie Fiorrucci, Blondino, Niagara, Scooter, Booster. Meine ersten Geh-Versuche in Sachen Mode. Von meinem ersten selbstverdienten Geld während der Schulzeit bei Geberit, erstand ich einen Frosch-grünen Windbreaker mit Tunnelgürtel, Kapuze und grell-gelbem Frottee-Futter, dazu blaue Plastik-Sandalen. Sie kombinierte ich mit verschieden farbigen Söckchen. Ich war stolz, meine Mutter fand es unmöglich. Später begleiteten meine Schwester und ich unseren Vater öfter nach Italien. Er arbeitete und besuchte seine Kunden. Wir besuchten die Boutiquen und investierten das verdiente Geld. Mein Lieblingsstück; eine dunkelblaue Matrosen-Jacke mit Epauletten, hinten mit kleinem verstellbarem Gürtel und vorne zwei Goldknöpfen mit Anker. Die Verkäuferin, meine Schwester und ich mussten meinen Vater bearbeiten bis die Jacke endlich in meinen Besitz überging. Kein günstiges Stück. Die Jacke, amortisiert durch meine immer währende Liebe. Sie wurde zum Pièce-de-Résistance im überschaubaren Kleiderschrank. Ein Vorbote auf meine geschichtlichen Interessen für die Französische Revolution und für die Zeit Napoleon Bonapartes?


Mein erstes Gehalt in meinem ersten richtigen Job: Eine Investition in einen Regenmantel bei der Boutique Löw am Bellevue in Zürich und einen kleinen Schirm mit Lederbändel zum über die Schulter tragen von Missoni. Meine ersten Gehversuche in gemässigteren Gefilden. Später Schuhe von Stéphane Kélian. Die modische Auswahl überschaubar: Neben Blondino, Niagara, Jet-Set, Booster und die gemässigten wie Löw gab es wenig. Dazu kam Mantel in Rapperswil welcher mit Löw provinziell zwar etwas abgehängt, durchaus mithalten konnte. Später kam Trudi Götz mit ihrem Imperium. Selbstredend konnte ich mir nur ihr Outlet leisten was für mich und meine Freundinnen spektakulär genug war. Da gab es "richtige" Marken für die es sich in meinen Augen lohnte zu investieren: Prada, Jil Sander, Burberry, Miu-Miu und viele mehr. Sie machte das Outlet salonfähig. Einige dieser Stücke halten sich immer noch in meinem Schrank; mindestens zwei Blazer von Jil Sander - einen dunkelblauen und einen hellbraunen. Das spricht für die Designerin und meine Treue. Andere Stücke wie einen lila Blazer von Burberry Prorsum trug ich so lange bis die Ärmel in Fetzen hingen. So sehr hing ich daran. Eine bestickte Bluse mit Leo-Ärmeln von Cavalli fand ich viel zu teuer, die Verkäuferin meinte, ich sollte sie nehmen, es sei ein Investment-Piece - ich würde noch an sie denken. Wohl war, auch dieses Stück trug ich Tag und Nacht. Dann kamen vermehrt ebay und die Online Shops dazu. Eine Arbeitskollegin erwähnte Net-à-Porter als neuste Errungenschaft im Netz. Das Angebot wuchs signifikant. Damit auch mein Schrank. Eine Reise nach Neuseeland offenbarte mir, dass es dort 2005 kaum Modisches zu Kaufen gab. Mir taten die armen Neuseeländer leid. Sie mussten nach Australien zum Shoppen. Auch wenn ich lange viel und nicht nur Günstiges kaufte, mancher Online Shop hatte wohl Freude an mir, hätte ich mich kaum als kaufsüchtig bezeichnet. Ich trage alles mit Freude. Fehlkäufe ja, selbstverständlich, das gehört dazu. Je älter man werde, desto unwichtiger werde Mode. Dem kann ich nicht beipflichten. Heute bin ich diszipliniert, aus purer Vernunft, es hängt zu viel im Schrank, von Vielem mag ich mich nicht trennen. Vieles kommt und geht, oft hängt ein ähnliches schöneres Stück bereits bei mir. Für mich seit Jugend ein treuer Begleiter: Das gestreifte Marine-Shirt - eine immer lohnende Investition.



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