• Birdie

Erziehung von Mädchen in Böhmen

Aktualisiert: Juli 20

Der Roman des Tschechischen Autors Michal Viewegh erinnert mich an meine Jugend. Als Kind erfreuten mich tschechische und polnische Filme und Bücher. Nicht Aschenputtel mit den drei Nüssen. Nüsse und Prinzessinnen waren nicht so meins. Lieber schaute ich mir Zeichentrickfilme der zwei Spitzbuben Lolek und Bolek an. Und immer wieder Pan Tau, die Geschichten vom kleinen älteren Herrn im Stresemann Anzug und Melone der nie spricht, aber immer lächelt und Kinder und Erwachsene gleichermaßen verzaubert. Sei es indem er eine Winterlandschaft mit Schlittelhügel für Kinder herbeizaubert, eine schöne Bescherung mit sprechendem Karpfen in der Badewanne bringt oder mit Kova die Wasser der Stadt erkundet, die Nautilus kapert und am Ende Kova mit dem Segelboot durch die Strassen Prags nach Hause zurück begleitet. Das war alles geeignet, mein Kinderherz zu erfreuen. Die Filme sind auf Youtube. Sie erobern heute noch die Herzen von Kinder und Erwachsenen.


Später kamen die Tschechische Filme dazu, die frühen von Milos Forman der später in den USA zu Ruhm und Ehre kam. Unter anderem mit Filmen wie "Hair" oder "Einer flog über das Kuckucksnest". Zu Beginn, in der Tschechoslowakei, drehte er Filme wie "Die Liebe einer Blondine" oder "Feuerwehrball" und prägte damals die Neue Welle. Alle hatten eines gemeinsam: Die Kinderfilme waren phantasievoll, die für Erwachsene mit sprödem Humor, nüchtern, schlicht und immer eigenständig. Aus diesem Grund fand ich Gefallen am Roman "Erziehung von Mädchen in Böhmen". Michal Viewegh hätte ebenso einen düsteren Roman über die unwirtliche Zeit des Tschechischen Sozialismus mit seinen Entbehrungen und dem bisweilen absurden Totalitarismus und der sich anbahnenden Veränderungen schreiben können. Nichts davon. Sein Roman: voll von Metaphern, Sarkasmus und trockenem Humor:


Statt den geplanten postmodernen Roman zu schreiben, nimmt der Schreibende als Lehrer mit bescheidenem Gehalt eine Anstellung für Nachhilfestunden der Tochter des örtlichen neureichen Industriellen an. Drei Tage wollte er Bedenkzeit. Die Bezahlung für acht Stunden Unterricht pro Woche für mehr als das Doppelte seines aktuellen Gehalts, schien ihm unanständig, ja eine Beleidigung für den Stand der Lehrer. Einer am schlechtesten bezahlten Berufsgattung in der Tschechoslowakei. Die Tochter, mit Namen Beata, sollte Nachhilfe in kreativem Schreiben erhalten, so die Absicht des fürsorglichen Vaters. Und es sollte sie von einer enttäuschten Liebe kurieren. Zu Beginn verstockt, stumm, passiv, unwillig, die Tage Trübsal blasend im Bett, taucht sie langsam mit Hilfe ihres Nachhilfelehrers aus dieser Leere wieder auf. Wohl bemerkt ohne viel zu schreiben. Das Leben gewinnt wieder an Fahrt. Das Zimmer wird neu eingerichtet, eine neue Beata geht daraus hervor. Sie verliebt sich natürlich in ihren Nachhilfelehrer und zeigt damit wieder dieses Bild von Instabilität wie das Leben heute ist. Es ist ein kurzes Aufblühen mit Witz, Schalk, Ironie. Sie gibt Unterrichtsstunden an derselben Schule wie ihr Hilfslehrer, interessiert sich bald für dies und jenes. Es wäre kein Tschechischer Roman, wenn alles zu einem Happy Ende führte. Alles soll hier nicht erzählt werden. Selber lesen ist das Gebot der Stunde. Es lohnt sich.




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