• Birdie

Aventures en Bretagne

Aktualisiert: Juli 20

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Den Kurs hätte ich früher belegen sollen. Dann hätte ich von meinem Frankreich-Abenteuer noch mehr profitiert. Doch eigentlich war alles ganz anders. Mein Besuch hat, wie vieles, eine Vorgeschichte, die nichts mit der Bretagne zu tun hat. Sie beginnt mit meiner Kind- und Jugendzeit und einer Serie. Damals waren Serien noch Serien, die den Namen verdienten. Immer zur gleichen Zeit fanden wir uns vor dem Fernsehgerät ein, bis sie endlich begann. Selbstredend gab es keine Werbung. Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, Version von 1968, waren unsere Favoriten. Der Hauptdarsteller, welcher Huckleberry Finn verkörperte, hatte es uns angetan, wohl auch sein Leben frei von jeglicher Verpflichtung, vor allem den schulischen: Tage am Mississippi, fischen, sonnen, rauchen, tote Katzen um Mitternacht in einem frischen Grab im Friedhof vergraben um Warzen zu heilen, Ganoven jagen und was da sonst noch war. Der Traum vieler Kinder. Was war man noch anspruchslos.



Ein paar Jahre später sahen wir ihn im Mehrteiler von Jules Verne "Zwei Jahre Ferien" - noch aufregender. Zumindest befand ich das. Meine Schwester, schon älter und abgeklärter mit verhaltener Begeisterung. Der Plot spielte in Neuseeland wo er den vermögenden Sohn und Zögling eines Internates spielte. In den Sommerferien lieh sein Onkel, der Kapitän eines grossen Segelschiffs aus England, den Kindern sein Schiff die "Sloughi" für eine vierzehntägige Fahrt entlang der Küste aus. Aus den vierzehn Tagen werden die besagten zwei Jahre, da die reichen Zöglinge von zwei Schiffbrüchigen entführt werden, um Lösegeld zu erpressen. Der Film beschreibt Flucht und Landen auf einer einsamen Insel, Robinsonade und kleine und grössere Dispute innerhalb der Gruppe der Heranwachsenden um deren Führung. Jahre später, ich hatte die Französischen Regisseure für mich entdeckt, sah ich ihn wieder in einer Verfilmung von Claude Chabrol, dem Meister und Kritiker der französischen Bourgeoisie: "Que la Bête meure" - ein Subjonctif für Interessierte...... Erzählt die Geschichte eines Kinderbuchautors, dessen Sohn in einem kleinen Dorf in der Bretagne von einem rücksichtslosen Raser überfahren und Fahrerflucht begeht. Die Suche nach dem Schuldigen findet sein Ende mit der Bekanntschaft dessen Schwägerin, die neben ihm im Unfallwagen sass. Es kommt zu einer Liaison, bei der er der Familie vorgestellt wird. Beim Schwager, erfolgreicher Garagenbesitzer, findet er das Unfallfahrzeug. Dieser, Tyrann von Frau und Sohn, findet Bestätigung, Bewunderung und Zuspruch seiner Mutter. Immer sucht und findet er Gelegenheit für Demütigung und Verhöhnung. Freunde, Bekannte als stumme Zeugen.



Der Tyrann und Mörder wird eindrücklich vom unvergesslichen Jean Yann verkörpert. Marc di Napoli spielt den Sohn, sein Bruder Stéphane das überfahrene Kind. Untermalt ist der schwermütige Film mit Musik von Brahms. Darin widerspiegeln sich raues bretonisches Klima und wilde schäumende See. Am Ende stirbt der Mörder durch Rattengift. Ob durch Sohn oder Autor, bleibt offen. Letzterer nimmt die Schuld auf sich und entschwindet im Segelboot in der rauen See, von Brahms musikalisch begleitet. Den Film findet man auf Youtube, die Qualität, nicht über alle Zweifel erhaben, wen wundert es aus dem Jahr 1969 - en français, bien sûr: https://www.youtube.com/watch?v=_KB82r5X0HM.


2004 und einige Zeit davor reifte in mir die Idee, diesen Held meiner Kindertage persönlich kennen zu lernen. Wie auch immer ich auf diese Idee kam. Sie war in mir und nicht weg zu bekommen. Was war aus ihm geworden? Nach schauspielerischen Erfolgen, lebt er als Maler - genau - in der Bretagne mit Atelier in Concarneau und Galerie in Pont Avène, malerisches Küsten-Dörfchen von allerlei Künstlern und Malern. Also nichts wie hin. Dabei las ich neulich den Reisebericht eines ZEIT-Journalisten respektive über seine vielen negativen Erlebnisse in der Bretagne. Von A wie Anreise bis Z wie Zittern der Fensterläden wegen Sturm war alles dabei. In manchem fand ich mich wieder wie beispielsweise der Anreise - kompliziert und langwierig, mit Flughafen-Wechsel in Paris und verpasstem Anschluss-Flug nach Quimper. Das unbeständige Wetter, na ja - das Wetter war für mich ja nicht der Grund meiner Reise. Im Allgemeinen bin ich nicht sehr wetterfühlig; trübes Wetter trübt selten meine Stimmung.


Nach kurzer Rundreise kam ich endlich in Pont Avène an: Klein, pittoresk, mit kleinem Hafen, kleinen steinernen Brückchen und kleinen Steinhäuschen. Alles niedlich und gar lieblich. Allein durch Witterung und raue See nicht ganz so pittoresk wie der erste Eindruck scheint. Auch spricht die indigene Bevölkerung eine Sprache, bretonisch, die man fast nicht versteht. Mit Schul-Französisch nicht beizukommen. Glücklicherweise sind viele zugewandert. Ein Rundgang, vieles ist geschlossen, es ist Mittwoch. Eine Galerie ist offen, schliesslich wollte ich hier auch Kunst sehen, Originale. Ich grüsste und schaute mich um, durchstöberte die Auslagen. Keine Originale, viele Reproduktionen und Serien. Da kam es vom Ladentisch "Est-ce qu' on peut vous aider?" Meine Frage, leicht vorwurfsvoll "Vous n'avez pas d' originaux?" Seine Antwort postwendend "l'original se trouve près de moi!" und deutete auf sein Nebenan. Da stand er, kleiner als gedacht, betrachtete mich interessiert, aufmerksam. "Une cliente" dachten wohl beide - hors saison. Nein, die Galerien seien heute geschlossen. Aber ja, er würde seine gerne für mich öffnen. Sie sei ja nur ein paar Meter der Strasse lang. Nun gut, die Gelegenheit wollte ich mir nicht entgehen lassen. Er sprach französisch, kein bretonisch und war ursprünglich aus Paris, sein Vater aus Italien. Künstler die ganze Familie von A bis Z. Sein Vater an der Oper, die Mutter zu Hause mit fünf Söhnen. Der eine ebenfalls an der Oper in Italien, er und der eine Bruder Schauspieler, er heute Künstler. Ein "richtiger" Künstler, mit Abschluss der Ecole des Beaux Arts. Wir verstanden uns sofort als würden wir uns schon lange kennen. Nach dem Besuch der Galerie, ich hatte keine grossen Pläne, nach Quimper, Freunde treffen und auf der Fahrt "Aufklärung" über Familienverhältnisse; ich kam schliesslich als gute Freundin dazu. So einfach war das.



Danach folgten Treffen, Besuche in Paris und bei seiner Familie, Museums-Besuche, Paris bei Tag und Nacht, Essen mit Familie, Nachbarn am langen Tisch. Schön, auch wenn seine Mutter, ganz Pariserin, sich über mein Französisch beklagte, das so kein Bühnen-Französisch war und für sie, die auch etwas schwer hörig, schwierig zu verstehen war. Unvergesslich der Besuch mit ihr, Marc und Stéph im Centre Pompidou - für mich das erste Mal. Paris ganz Museum, Kultur und Familie. Andenken aus dieser Zeit: Spannende, schöne Erinnerungen, Bilder und Zeichnungen, Emails und français, français. Je me suis débrouiller, bien sûr.


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